Die Müll Mythen

Mythos 1: Papiertüten sind viel umweltverträglicher als Plastiktüten

Viele Kunden werden auch weiterhin an der Kasse von der plötzlichen Notwendigkeit einer Tragetasche überrascht. Weil sie das schlechte Image der Plastiktüte im Hinterkopf haben, greifen viele zur Alternative aus Papier. Die kostet zwar ebenfalls Geld, ist aber umweltverträglicher – denken sie. Tatsächlich aber ist die Papiertüte erst nach der vierten Nutzung ökologisch sinnvoller als eine Plastiktüte. Das liegt vor allem an ihrem Ausgangsstoff: Um eine Tüte aus Papier reißfest zu machen, müssen besonders lange und widerstandsfähige Fasern verwendet werden. Diese werden vor der Verarbeitung mit Chemikalien bearbeitet. Verbessert werden kann die Umweltbilanz der Papiertüte zwar mit Recyclingpapier – der Ressourcenverbrauch bleibt jedoch sehr hoch, da nur mit viel Materialeinsatz die gewünschte Reißfestigkeit erreicht werden kann. Und selbst dann gilt: Wird die Papiertüte einmal nass und kann nicht erneut benutzt werden, ist die Ökobilanz dahin.

Ökologisch deutlich sinnvoller sind zwar Beutel aus Baumwolle oder Jute, doch auch sie sind längst nicht so umweltfreundlich wie ihr Ruf. Beim Anbau der Stoffe wird extrem viel Wasser und Energie verbraucht, zudem droht eine Übersäuerung des Bodens. Die Umweltbilanz des Beutels ist allerdings schon allein deswegen besser, da er kein Wegwerfprodukt ist – das gilt aber streng genommen erst, sobald er 25 bis 32 Mal wiederverwendet wurde. Eine Alternative, die sich immer häufiger an Supermarktkassen findet: klitzeklein zusammengefaltete Polyester-Beutel. Laut Umweltbundesamt sind die die umweltfreundlichste Alternative zur Plastiktüte. Sie halten in der Regel bis zu zehn Kilo aus – deutlich mehr als alle anderen Tragetaschen. Ihre Lebensdauer kann daher Jahre betragen.

Mythos 2: Der Tetra Pak ist extrem umweltfreundlich

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) bemängelt, dass der Tetra Pak mittlerweile häufig viel Plastik enthält, vor allem wegen der Ausgusshilfen und Verschlüsse. Auch sei der Recyclinganteil der Materialien viel geringer (36 Prozent) als von den Herstellern angegeben (71 Prozent). Hinzu komme, dass für die Herstellung kein Recyclingkarton verwendet werde, sondern vor allem Neufasern.

Von der Gesetzesgrundlage ist die Lage eigentlich ohnehin klar: Mehrwegverpackungen sind immer zu bevorzugen, heißt es dort. Damit das auch wirklich der Umwelt dient, sollte der Verbraucher jedoch beachten, dass der Inhalt, also beispielsweise die Milch, nicht vom anderen Ende der Republik herangekarrt wird. Frank Wellenreuther hat am Institut für Energie- und Umweltforschung (Ifeu) in Heidelberg die Umweltauswirkungen zahlreicher Verpackungsformen untersucht. „Vereinfacht kann man sagen, dass Mehrwegsysteme in einem regionalen Kontext, also ohne lange Liefer- und Rückfahrten meist sehr gute Ökobilanzergebnisse zeigen„, sagt er. Es lasse sich sogar recht genau beziffern, wann eine Glasflasche umweltfreundlicher ist als der Getränkekarton: Sobald sie weniger als 200 Kilometer transportiert und mindestens 15 Mal benutzt wird, so der Experte. Und noch etwas hat die Glasflasche allen anderen Verpackungen voraus: Glas ist, im Gegensatz zu allen anderen Verpackungsmaterialien, inert. Das heißt, dass es nicht mit darin aufbewahrten Lebensmitteln reagiert und folglich auch keine Chemikalien an sie abgibt.

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Mythos 3: Behälter aus Glas sind besser als Konservendosen

Bei Mais, Kichererbsen oder passierten Tomaten gibt es im Supermarkt die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Verpackungen zu wählen. Aber was ist die bessere Wahl, Konservendose oder Glas? Leider keines von beiden. Am ökologisch vorteilhaftesten wäre ein Verbundkarton, wie das Heidelberger Ifeu-Institut im Jahr 2013 herausgefunden hat. Dosen aus Metall sind in der Herstellung sehr energieaufwendig. Und für die Gläser gibt es, anders als für Getränkeverpackungen, kein Mehrwegsystem. Es lässt sich zwar recyceln und einschmelzen, doch auch dieser Prozess ist energieintensiv. Einwegglas stuft auch das Umweltbundesamt als die umweltschädlichste Verpackung ein.

Wenn es nun aber im Supermarkt den Mais nur in Dosen oder Gläsern gibt? „In den meisten Umweltwirkungskategorien zeigt die untersuchte typische Weißblechdose etwas niedrigere Umweltlasten als die Einwegglasverpackung“, sagt Frank Wellenreuther vom Ifeu-Institut. Allerdings sind die Dosen innen mit Epoxylacken beschichtet, um das Metall vor Korrosion zu schützen. In diesen Kunststoffen ist die umstrittene östrogenähnlich wirkende Chemikalie Bisphenol A (BPA) enthalten, die auch in Lebensmittel übergehen kann. Als sich schwedische Journalisten vor einigen Jahren im Selbstversuch zwei Tage lang nur aus Konservendosen ernährten, stiegen die BPA-Werte in ihrem Urin um mehr als 4000 Prozent an. Die EU hat BPA bei der Herstellung von Babyflaschen aus Kunststoff verboten. Das schwer zu beeindruckende Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht trotzdem keinen Grund zur Beunruhigung. Alle anderen greifen lieber zum Glas.

Mythos 4: Kaffeekapseln sind ein Umweltdesaster

Viele Leute denken, dass die Siebträger-Maschine gut und die Kapsel Maschine schlecht ist. Doch so einfach ist es nicht. Je nachdem, wie der Kaffee zubereitet wird und was mit dem Müll passiert, fällt die Ökobilanz sehr unterschiedlich aus. Wer für eine einzelne Tasse Kaffee seine Siebträgermaschine nutzt, verbraucht sehr viel Strom, bis der Apparat und das Wasser aufgeheizt sind – es lohnt sich energetisch gesehen nur für mehrere Tassen. Bei Kapsel-Maschinen ist der Stromverbrauch geringer, vor allem was den Vergleich bei einer einzigen Tasse angeht. Dafür entsteht mehr Müll, Schätzungen zufolge mehr als 5’000 Tonnen pro Jahr allein in Deutschland. Wie negativ das zu bewerten ist, kommt jedoch darauf an, was mit dem Müll passiert: Sind die Kapseln aus Aluminium, können sie mit relativ geringem Energieaufwand recycelt werden. Dafür muss der Verbraucher sie aber zur Sammelstelle bringen und nicht in den Restmüll werfen. Die Aluminiumherstellung selbst ist jedoch enorm energieintensiv und somit umweltbelastend, was die ökologische Bilanz der Kapsel drückt. Sind die Kapseln aus Plastik, ist die Herstellung zwar minimal umweltverträglicher, die Recyclingquote aber deutlich schlechter. Plastik wird als Abfall zu großen Teilen einfach verbrannt.

Verbraucher sollten sich vor der Anschaffung einer Maschine also unbedingt überlegen, ob sie in der Regel alleine Kaffee trinken – denn dann kann eine Kapsel-Maschine ökologisch sinnvoller sein. Eine ausführliche Auswertung zur Ökobilanz verschiedener weiterer Zubereitungsarten gibt es hier.

(Quelle: Süddeutsche Zeitung, Artikel vom 11. Mai 2017).

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