Mineralwasser – ein schmutziges Geschäft

Pro Jahr werden in Deutschland circa 16 Milliarden Einweg-Plastikflaschen verbraucht. Das sind 450’000 Tonnen Kunststoff. Viele Einweg-Flaschen bestehen nach wie vor aus Neumaterial, für deren Herstellung Rohöl eingesetzt wird. Das belastet das Klima und verbraucht begrenzt vorhandene Ressourcen (Quelle: duh.de). In der Schweiz liegt der Verbrauch bei über 1.6 Milliarden Plastik Getränkeflaschen, weltweit bei 480 Milliarden. In manchen Ländern sind Plastikflaschen die einzig sichere Quelle für sauberes Trinkwasser. In der westlichen Welt allerdings ist Wasser in Flaschen eindeutig ein Luxusprodukt. Leitungswasser ist nur in Ausnahmefällen gesundheitlich bedenklich und ist zudem in aller Regel strenger kontrolliert als Mineralwasser. Trotzdem halten viele Menschen das Wasser aus der Flasche für gesünder. Aber jetzt gibt es einen Alarmruf: Forscher haben Mikroplastik im Flaschenwasser gefunden. Mikroplastik sind feste, unlösliche Plastikpartikel, die kleiner als fünf Millimeter sind. Ein Team der State University of New York at Fredonia hat sich auf die Suche gemacht nach solchen Partikeln, die kleiner oder grösser sind als 0,1 mm. Die Forscher kauften 259 Flaschen Wasser aus neun Ländern auf der ganzen Welt, darunter Marken wie Aqua, Evian, Nestlé Pure Life oder San Pellegrino. Aus der Schweiz war kein Wasser dabei, aus Deutschland untersuchten sie Gerolsteiner Mineralwasser. Die Forscher versetzten das Wasser mit der Färbesubstanz Nilrot. Diese heftet sich an nichtwässrige Partikel und macht sie dadurch sichtbar. Das Ergebnis: 93 Prozent der Flaschen zeigten eine Kontamination mit Mikroplastik – in einigen Fällen pro Liter bis zu 10’000 Partikel, die kleiner sind als 0,1 mm. Auch Wasser aus Glasflaschen war leider nicht frei von den Fremdpartikeln. Am häufigsten fanden die Wissenschafter Polypropylen, das Material, aus dem die Flaschendeckel gemacht sind. Sie vermuten, dies könnte beim Öffnen der Flasche abgesplittert sein. Allerdings: Experten beurteilten die Methodik der Studie sehr kritisch, weil es keinen Peer Review Prozess gab, das heißt nicht vor der Veröffentlichung von Fachkollegen begutachtet wurde. Die Gruppe hat sie auch nicht in einer wissenschaftlichen Zeitschrift publiziert, sondern einfach im Internet.

Jedoch gibt es eine weitere Untersuchung, diesmal von der Universität Münster in Deutschland, veröffentlicht in der Fachzeitschrift «Water Research», die per Peer-Review die Qualität der Aufsätze sicherstellt. Zwar untersuchten die Wissenschafter nur 22 Flaschen aus PET, dazu drei Getränkekartons und neun Glasflaschen. Doch das Ergebnis – erzielt mit einer Spektroskopie-Methode, die auch noch kleinere Partikel von 0,001 mm Grösse aufspüren kann – bestätigt den grundsätzlichen Befund: In allen Verpackungsarten enthielt das Wasser Mikroplastik. In dieser Studie bestanden die Partikel meist aus PET, was auch erklären vermag, warum sich in wieder befüllten und damit stärker abgenutzten Mehrwegflaschen mehr Mikroplastik fand als in Einwegflaschen.

Ist das ein Grund zur Panik? Ist Mikroplastik gefährlich? Das schweizerische Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) antwortet der NZZ (Neuen Zürcher Zeitung) auf die Frage nach möglichen Gefahren: «Bisher gibt es keine direkten Hinweise, die darauf hindeuten, dass Mikroplastik schädliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben könnte.» Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) äussert sich auf Anfrage der NZZ fast gleichlautend. Da das Thema aber offensichtlich bei Verbrauchern und Mitgliedsstaaten zunehmend Bedenken auslöse, wolle die WHO nun die sehr spärlichen Daten untersuchen und einen Forschungsplan erstellen. Die Priorität bleibe aber, zwei Milliarden Menschen, die derzeit keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser haben, diesen zu ermöglichen.

Ist die Sorge, dass Mikroplastik im Flaschenwasser gesundheitsgefährdend sein könnte, also nur ein Luxusproblem? Die Stellungnahmen des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung und der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit deuten in eine andere Richtung: Weil belastbare Daten fehlen, sei eine gesundheitliche Bewertung derzeit schlicht nicht möglich. Genau wie die WHO drängt man auf mehr Forschung.

Selbst wenn das Mikroplastik in den Wasserflaschen sich als für Menschen unschädlich herausstellen sollte – der Müllberg, den die 480 Milliarden Flaschen im Jahr produzieren, ist ein riesiges Umweltproblem. Das Material zerfällt mit der Zeit zu Mikroplastik, gelangt in die Meere und schädigt die dort lebenden Organismen – was die Forschung ausreichend bestätigt hat (Quelle: Artikel aus der NZZ vom 15.03.2018).

Es ist also in der westlichen Welt unnötig und umweltschädigend, weiterhin teures Wasser in der Plastikflasche zu kaufen. Wir trinken seit vielen Jahren Leitungswasser, sparen Geld und leisten einen Beitrag zur Reduktion des Plastik-Abfallberges.

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